Ein Jahrestag für die Textilbranche

Heute vor genau zwei Jahren starben beim Einsturz des Rana Plaza Buildings (Sabhar, Bangladesh) 1129 Menschen, 2215 wurden verletzt.

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Dhaka Savar Building Collapse“ von rijansFlickr: Dhaka Savar Building Collapse. Lizenziert unter CC BY-SA 2.0 über Wikimedia Commons.

 

In diesem Gebäude ließen die Firmen NKD, Adler, Kik, Mango, Primark und einige internationale Unternehmen Kleidung zu Niedrigstpreisen nähen. Die Arbeitsbedingungen waren katastrophal – und sie sind es noch, in vielen Fabriken in Bangladesh. Der gerade herausgegebene Bericht von Human Rights Watch erwähnt physische Übergriffe, verbale Attacken – manchmal mit sexuellem Hintergrund – erzwungene Überstunden, die Ablehnung von Mutterschutz, nicht gezahlte Löhne und Überstunden-Vergütungen bis hin zu Vergeltungsmaßnahmen gegenüber Gewerkschaftern.

Das eingestürzte Gebäude gehörte Mohammad Sohel Rana, einem Politiker in Bangladesh. Die Bestrebungen der Regierung vor Ort sind gering, wenn es um die Abschaffung von Missständen geht: Die Textilbranche beschäftigt rund 4 Millionen Menschen und erwirtschaftet vier Fünftel der Exporteinnahmen des Landes.

 

Tödliche Sicherheitsmängel

 

Seit dem Unglück konzentrieren sich die internationalen Bemühungen um Verbesserungen hauptsächlich auf die vielerorts fragwürdige Gebäudesicherheit, eine “Allianz für die Sicherheit von Arbeitern in Bangladesch” soll Fabriken kontrollieren. Rana Plaza war allerdings nach Gebäuderissen bereits vor dem Zusammenbruch durch die Polizei gesperrt. Die Arbeitgeber vor Ort hatten die Belegschaften ihrer Unternehmen ungeachtet des Verbots zur Arbeit gezwungen.

Zwei der eingestürzten Fabriken in jenem Hochhaus wurden 2011 und 2012 durch Sozialaudits von TÜV-Rheinland und TÜV-Süd geprüft. Gegenstand der Prüfungen im Auftrag von BSCI waren die Arbeitsbedingungen. Die Ergebnisse solcher Prüfungen sind geheim, die Praxis dieser Audits kritisiert Dr. Gisela Burckhardt, Autorin des Buches Todschick, als großes Geschäft für Auditorganisationen ohne Wirkung vor Ort. Die Fabrik Ali Enterprises, die in Pakistan 2012 abbrannte, hatte ebenfalls ein Sozial-Audit. Dort zahlte Kik – das Unternehmen ließ 90% des Auftragsvolumens dieser Fabrik produzieren – die Entschädigungssumme von einer Million.
Nach dem Unglück zeichneten wenigstens in Sachen Sicherheit 190 Firmen – darunter Hess Natur, Rewe, Aldi, Otto – den Fire & Safety Accord und zahlen dort nach in Auftrag gegebenen Produktionsvolumen ein – das ist transparent, die Firmen legen also die Lieferketten offen. Das Verfahren verwendet das Geld zur Überprüfung und Zertifizierung von Fabriken im Hinblick auf den Brandschutz, die Sicherheit der elektrischen Anlagen und die Bausubstanz.

Das Verfahren des Accords hat bereits Wirkungen gezeigt – bis heute wurden über 1000 Fabriken inspiziert, mehr als 900 Korrekturpläne für die Behebung gefährdender Mängel sind in der Umsetzung. Allerdings gibt es eine Schwachstelle: Durch Subcontracting können geprüfte Unternehmen Aufträge an andere, nicht geprüfte Firmen weitergeben.

 

Heute schon gezahlt?

 

Was passierte nun in den vergangenen zwei Jahren ganz konkret für die hinterbliebenen Angehörigen und die Überlebenden der Rana Plaza-Katastrophe? Eine unabhängige Kommission schätzte den Finanzbedarf für medizinische Versorgung auf 30 Millionen US-Dollar, ein Fonds wurde eingerichtet. Da dieser auf freiwilligen Zahlungen jener Unternehmen angewiesen ist, die in Rana Plaza produzieren ließen, hat er noch nicht das nötige Volumen erreicht. Einige der Firmen streiten jegliche Produktion bei Rana Plaza in ihrem Auftrag ab. Primark und KIK zahlten je eine Million und internationale Player wie Mango zahlten ebenfalls. Dr. Gisela Burckhardt, Autorin des Buches „Todschick“, geht davon aus, dass bei Kik angesichts des Produktionsvolumens dort eigentlich fünf Millionen angemessen wären.

Burckhardt war für die Organisation Femnet selbst mehrfach in Fabriken in Bangladesh, auch in Pakistan, Indien und China. Femnet macht sich für Gewerkschaftsgründungen stark, mit der Aktion FairSchnitt versucht die Organisation außerdem, künftige Modemacher an den Design-Hochschulen zu sensibilisieren. Dazu kommt das Engagement für den Entschädigungsfonds. Dieser enthält etwa 22 Millionen, zuletzt zahlte Benetton 1,1 Millionen. Diesen Zusagen freiwilliger Zahlungen geht viel Kampagnenarbeit und akribische Recherchen zu den Verantwortlichkeiten voraus, die in Unterschriftenaktionen münden. Kik wurde durch schlechte Publicity und die Sammlung von 1 Million Unterschriften zum Zahlen motiviert. KANZ/ Kids Fashion Group, NKD und Adler, die auch in Rana Plaza produzieren ließen, zahlten bisher nichts. Der Gesamtumsatz aller 29 verantwortlichen Firmen beträgt 20 Milliarden US-Dollar.

 

Was passiert bei uns?
2014 wurden in Deutschland 60 Milliarden Euro Umsatz mit Textilien und Bekleidung erwirtschaftet. Fairer Handel ist in Deutschland kein Fremdwort mehr, doch das Fairhandelsvolumen ist bei Bekleidung überschaubar.

Die Bekleidungsbranche ist noch immer schwach reglementiert, die Kennzeichnung des Herkunftslandes beispielsweise ist freiwillig, Lieferketten sind häufig intransparent. Oft stellen NGO’s die Auftrag gebenden Firmen anhand der abschließend eingenähten Markenlogos bei Stichproben in Fabriken vor Ort fest, also in Bangladesh, Indien und anderen Kleidung produzierenden Ländern.

Bei einigen Siegeln ist die Herkunft transparent nachvollziehbar und zu den Kriterien der Siegelvergabe zählt die Einhaltung wichtiger sozialer, ökologischer und ökonomischer Standards. Ein solches Siegel ist Fairtrade certified cotton, das allerdings nur die Verhältnisse auf Plantagen bei der Ernte der Baumwolle prüft, nicht aber die weiterverarbeitenden Konfektionsfirmen. Die FairWear Foundation ist ein Bündnis, bei dem sich die beigetretenen Partner auf Standards und Transparenz sowie Fortschritte in den Sozialstandards verpflichten. Jährlich finden Kontrollen statt, Berichte werden geschrieben und online sind Ratings verfügbar, die den Fortschritt der teilnehmenden Firmen transparent machen. Der Global Organic Textile Standard (GOTS) definiert neben umwelttechnischen ebenfalls soziale Kriterien, deren Sicherung durch unabhängige Zertifizierung der gesamten Lieferkette erfolgt. Die sozialen Kriterien orientieren sich an den Vorgaben der Internationalen Arbeitsorganisation ILO.

Der Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung Gerd Müller hatte im Herbst 2014 zu einem Bündnis gegen Ausbeutung in der Textilbranche aufgerufen, an dem sich möglichst viele Unternehmen der Bekleidungsbranche beteiligen sollten. Der Fortschritt dieses Bündnisses war in den Anfängen eher überschaubar, zu den Unterzeichnern zählen vor allem jene kleineren Firmen, die bereits für fairen Handel eintraten. Am 22. April 2015 verlautete es auf den Seiten des Ministeriums, nun seien die Voraussetzungen für einen breiten Beitritt der Wirtschaft zum Bündnis geschaffen, man habe sich auf einen gemeinsamen Aktionsplan bzw. eine Präzisierung dieses Planes geeinigt. Die momentane Teilnehmerliste mit knapp 70 Einträgen zeigt die üblichen an FairTrade interessierten Firmen und eine große Zahl an Nichtregierungsorganisationen – die größeren Bekleidungshersteller sucht man noch vergebens. Mit Spannung kann also die kommende Entwicklung und der nächste Jahrestag erwartet werden.

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