Teilen ist das neue Besitzen – oder das Ende der Gemeinnützigkeit

(15.01.2015) Die Share Economy will eine bessere, eine effektivere Welt schaffen. Die immer knapper werdenden Ressourcen sollen nicht sinnlos verschwendet werden. Menschen sollen über das Internet gleichermaßen Zugang zu Dingen haben, ohne sie besitzen zu müssen.

Share EconomyAngesichts begrenzter Ressourcen müssen wir sicherstellen, dass diese für alle reichen. Das ist die klassische Nachhaltigkeit. Wer ein Auto hat, teilt es. Wer ein Zimmer frei hat, lässt jemanden darin wohnen. Wer etwas Bestimmtes kann, teilt sein Wissen, sein Handwerk, sein Können. Am Ende gewinnen alle. Soweit, so gut.

Aus der Idee des Teilens ist aber schon längst ein florierendes Geschäft geworden – die Share Economy. Und eine Ökonomie muss sich rechnen. So kommt es dass es immer mehr kleine Start-ups gibt, die im Internet Dienstleistungen und Arbeiten vermitteln und dafür eine Provision kassieren. Aus den ersten Start-up Unternehmen der Branche wurden inzwischen große Firmen, die milliardenschwer sind und Uber, Airbnb oder Taskrabbit heißen.

Share Economy schafft Probleme

Die Start-up Firmen bestehen häufig nur aus einer Internetseite oder einer App als Plattform. Investitionen, die zu Beginn eines jeden Geschäft nötig sind, wie der Bau eines Hotels, fallen weg. Auch für weiterführende Kosten, wie Steuern, Investitionen in den Brandschutz und andere Sicherheitsstandards müssen die Internetfirmen nicht sorgen. Denn sie sind nur die Vermittler, die Dienstleistungen und Arbeiten ausführen, übernehmen andere.

Menschen, die ihre Fähigkeiten und Dienste auf diesen Internetplattformen anbieten, sind oft Selbstständige, ein Heer von Selbstständigen. Die vorschnelle Einschätzung von Selbstständigen als “Großunternehmer” ist dabei ein Vorurteil, das sich allenfalls noch im Steuerrecht findet. Der „kleine Mann“ muss seine Dienstleistungen häufig zu Dumpingpreisen oder zu Unzeiten (oder jederzeit) anbieten, um mitzuhalten. Auf Arbeitnehmerrechte kann dabei keine Rücksicht genommen werden.
Verlockend ist zudem, die eh geringen Einnahmen aus der selbstständigen Arbeit nicht zu versteuern  Somit geht das Finanzamt leer aus. Steuern fehlen und der Staat kann seine Aufgaben für öffentliche Infrastruktur nicht nachkommen.

Ganze Wohnungen werden über die Plattformen angeboten. Der Preis für eine Übernachtung liegt unterhalb von Hotelpreisen. Weil es lukrativ ist, gerade in touristisch interessanten Städten seine Wohnung zu vermieten, werden ganze Häuser vorgehalten. Mieten für die Stadtbewohner verteuern sich so.

Mahnende Worte

Der mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnete Informatiker Jaron Lanier meint, wir erleben im Moment nicht den Beginn einer neuen Welt der Gemeinnützigkeit, sondern ihr Ende. Denn in Wirklichkeit wird nicht geteilt, sondern vermarktet – Ware gegen Geld. Lanier bezeichnet die neue Share Economy als Fake Economy und Turbokapitalismus.

Die Datenanalystin und Start-up Gründerin Yvonne Hofstetter warnt vor einer Diktatur der globalen Internetkonzerne, weil diese alles über uns wissen und wir dadurch erpressbar werden.
Denn für die Teilhabe zahlen wir mit unseren Daten. So stellte Uber kürzlich eine Grafik vor, aus der der Taxikonkurrent ablesen wollte, ob jemand einen One-Night-Stand hatte. Aus den Nutzerdaten und den Fahrtzeiten ihrer Kunden leitete die Firma ab, wer kurze nächtliche Aufenthalte hatte. Sicherlich war dies eine schöne PR-Aktion, aber sie legte das Prinzip offen. Wir werden von gewinnorientierten Firmen immer und überall mit unseren Daten erfasst und zentral gespeichert.

Dass es um gemeinnütziges Teilen geht, ist die Lebenslüge der Share Economy. Statt dessen dient sie nur wenigen Konzernen. Wenn diese zudem durch unser Nutzerverhalten errechnen, was wir wollen sollen, ist es schnell vorbei mit der Selbstbestimmung. Wenn wir freiwillig unsere intimsten Daten weitergeben, führt das zum Verschwinden der Privatsphäre.

Sieht so unsere Zukunft aus?!

Das Politmagazin Panorama widmete sich vergangener Woche der Share Economy mit dem Thema: „Schöne neue Welt: Der Preis des Teilens“. Die halbstündige Reportage ist in der ARD-Mediathek zu sehen oder gleich hier:

Natürlich geht es am Ende nicht um eine “entweder-oder”-Entscheidung zwischen Economy und gutem Leben. Wir können nicht nicht konsumieren. Aber wie in vielen Fällen können wir uns über die Hintergründe der verschiedenen Wirtschaftsmodelle und Angebote informieren und unsere Entscheidung selbst treffen, ob wir daran teilhaben oder die jeweilige Firmenphilosophie nicht unterstützen wollen. Manche Netzwerke für gemeinsames Wirtschaften und Teilen sind nach wie vor Gemeinschaftsprojekte, manche sind zu Unternehmen geworden oder durchlaufen gerade diesen Prozess.

Auf unserer Seite „Wertvolle Links“ finden Sie Hinweise auf die verschiedensten Möglichkeiten des Teilens – insoweit dabei Unternehmen sind, verstehen sich unsere Hinweise nicht als unbedingte Empfehlungen, sondern als Aufforderung, selbst Entscheidungen zu treffen und sich zu den Hintergründen zu informieren. Wir glauben an die Fähigkeit jedes voll geschäftsfähigen Menschen, mit seinen persönlichen Daten sorgsam umzugehen und das Geschäft mit dem Geschäft zu erkennen. Es gilt also: Für die Inhalte und Handlungsmöglichkeiten auf verlinkten, externen Webseiten Dritter tragen wir keine Verantwortung!

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