Weihnachtsbäckerei ohne Haselnüsse – Ernteausfälle und Kinderarbeit

(03.12.2014) Vielen sind sie schon aufgefallen – die leeren Regale bei den Backzutaten im Supermarkt. Wo einst ganze und gemahlene Haselnüsse das ganze Jahr über zu haben waren, fehlt nun der Nachschub.

leeres RegalDer Grund dafür liegt in der schlechten Haselnussernte in der Türkei. Ende März überzogen frostige Temperaturen die empfindlichen Haselnussblüten auf den Plantagen an der türkischen Schwarzmeerküste. Ein fast kompletter Ernteausfall im Herbst war die Folge.
Nun sollte es in einer globalisierten Welt doch kein Problem sein, Lieferengpässe aus einem Land durch Waren aus einem anderen Land zu ersetzen. Bei Haselnüssen gestaltet sich dies allerdings sehr schwer, denn die Türkei ist der Hauptlieferant für Nüsse auf dem Weltmarkt. Nur drei Prozent der weltweiten Haselnussernte erfolgt in den USA, neun Prozent in Italien, ganze 72 Prozent stammen aus der Türkei.
Das Angebotsdefizit ließ auch schon den Weltmarktpreis für Haselnüsse in die Höhe schnellen. Mehr als verdoppelt hat sich der Kilopreis in einem Jahr – von 5,10 €/kg in 2013 auf aktuell 11,70 €/kg.
Somit müssen Verbraucher wohl noch bis zur nächsten Ernte 2015 auf Haselnüsse verzichten, oder mit höheren Preisen für Produkte mit Haselnüssen beim Bäcker oder aus der Süßwarenindustrie, wie Schokoladen oder die bekannten Brotaufstriche, rechen.

Der Umstand des Ernteausfalls lässt aber wieder einmal den Blick auf die globalisierte Welt und das Leben der Ärmsten fallen.
An der türkischen Schwarzmeerküste wachsen zwar mehr als zwei Drittel der weltweiten Haselnüsse. Von diesem Quasi-Monopol haben die kleinen Bauern allerdings nichts. Zwei Millionen Menschen leben direkt, sechs Millionen Menschen indirekt vom Haselnussanbau. Diesem Heer von Kleinbauern steht eine handvoll Unternehmen gegenüber, die Ernten vermarkten bzw. weiter verarbeiten. Und ähnlich wie beim Kakaoanbau, bestimmen diese wenigen Unternehmen den Preis. Die Wertschöpfung aus der Weiterverarbeitung der Ernten findet zudem im Ausland statt, sodass der damit verbundene Mehrwert von Produkten nicht bei den Kleinsten ankommt.
Ein weiteres Problem ist Kinderarbeit. Weil die Eltern mit ihrer Hände Arbeit zu wenig verdienen, müssen oft auch Kinder mitarbeiten, von früh bis spät.
Ferrero, der größte Aufkäufer von Haselnüssen weltweit, hat mit seiner beliebten Schokoladen-Serie dem ganzen auch einen Namen gegeben – „Kinderschokolade“.

weiter Links zum Thema
– das Wochenblatt Zeit hat in der Ausgabe 52/2014 ab Seite 21 eine Reportage aus Çilimli in der Türkei gebracht, über Ferrero und Kinderarbeit, außerdem ein Interview mit Sema Genel, Leiterin der türkische Hilfsorganisation Hayata Destek zu “Süßigkeiten mit Haselnüssen basieren meist auf Kinderarbeit”
– ein Beitrag des WDR-Verbauchermagazin Markt über “Haselnüsse: Schlechte Ernte”
– ein Bericht über die Nussbauern in der Türkei aus der Berliner Zeitung “Knapp wird die türkische Haselnuss”
– ein Beitrag des ARD-Europamagazins aus dem Jahr 2011 über „Die Haselnusskinder von Ordu“

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